JEAN PAUL GAULTIER im exklusiven Gastportrait.
"VIVE LA DIFFERENCE!" 

Der Modemacher erinnert sich an die großen Mode-Rebellen des 20. Jahrhunderts. Ich habe keine Modeschule besucht. Ich war gegen normierte Bildung, seitdem ich erfahren habe, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Alles, was ich über Mode lernte, erfuhr ich aus Magazinen und Fotos. 

 © RAINER TORRADO for CNN International 

© RAINER TORRADO for CNN International 

Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich mir den Film Falbalas vom französischen Regisseur Jacques Becker anschaute. In dem Film ging es um einen Modeschöpfer in den 40ger Jahren und um die Vorbereitung einer Fashionshow. Ich war damals zwölf Jahre alt. Die Modeschau hatte Bewegung und Leben und sie war theatralisch, was meine Vorstellungskraft anregte. Seitdem bin ich von Designern begeistert, die das Drama auf den Laufsteg bringen. 

Ich bin sehr stolz aus Frankreich zu kommen, denn dieses Land hat so viele Design-Pioniere hervorgebracht. Ich glaube zwar nicht, dass Stil bei den Franzosen angeboren ist, allerdings kann man auch nicht leugnen, dass moderne Mode hier ihren Ursprung hat. Von Anfang an war Frankreich – und insbesondere Paris – die Hauptstadt und das Herz der Mode, mit einer langen Liste an Vordenkern, die die Art und Weise, wie wir auf Kleidung schauen, wie wir den Körper und uns selbst sehen, verändert haben. 

Und während die Welt kleiner wird und die Modeindustrie zunehmend globaler, ist diese Geschichte und ihr Einfluss wichtiger denn je. Experimentierfreude, Variation und Qualität kann heutzutage aus allen Ecken der Welt kommen. Aber man wird diejenigen, die den Grundstein hierfür in Frankreich gelegt haben, nicht vergessen. 

Französische Modevorreiter

Wie viele Designer, bewundere ich die am besten bekannten, originellsten und mutigsten Modeschöpfer wie: 

Christian Dior. Sein bahnbrechender ‚New Look‘ hat das Kleidungsverhalten von Frauen weltweit verändert. Seine Kollektion von 1947 rebellierte gegen die Uniformen der Kriegszeit, die Sparmaßnahmen und die Restriktionen der Stoffe – an der Taille gerafft, die Wanden zeigend und die Brüste feiernd. 

Madame Grès hat ein wundervolles Modehaus. Sie arbeitet in ihrem eigenen Universum. Ursprünglich war sie Bildhauerin. Ihr seidenes plissiertes Kleid sah aus, als wäre es gerade aus dem alten Griechenland entsprungen. 

Allerdings waren es die Designer der 60ger und 70ger Jahre, die Grenzen gesprengt haben, indem sie die traditionelle Eleganz hinterfragten und die Haute Couture durch radikale Prêt-à-Porter Kollektionen ersetzten.

 

Jahrzehnte nach der klassischen Perfektion, brachten diese Designer frischen Wind in die Modebranche – im Einklang mit der aktuellen Zeit, in der wir leben. Diese neuen Designer wussten über die sexuelle Revolution, über die Weltraumexpeditionen, über die Modernisierung und innovative Strömungen in der Architektur. Keiner hat so etwas zuvor gesehen. 

Ich begann mit Pierre Cardin zu arbeiten, als ich 18 Jahre alt war. Er war einer der Top-Vordenker der Branche. Ich habe ihn immer bewundert, denn er schien wie ein Showman zu sein. Er war so frei und machte diese geometrischen, manchmal abstrakten Designs, die an Architektur erinnerten. Er hatte zuvor Architektur studiert und ließ Elemente davon nun in seine Designs einfließen. Außerdem war er ein Tausendsassa, denn er designte alles – von Möbel, über Industriedesign bis hin zu Autoinnenausstattungen. 

André Courrèges hat zehn Jahre lang bei Balenciaga gearbeitet, bevor er seine eigene Modemarke startete. Er war ein Ingenieur, bevor er Designer wurde. Und ich hatte schon früh den Eindruck, dass er eine Revolution starten würde. Nun weiß ich warum: Er kleidete die Frau der 1960ger Jahre – eine moderne Frau, die das Autofahren beherrschte statt zuhause nur an Cocktails zu nippen. Seine Kleidung mag futuristisch ausgesehen haben, aber für die damalige Zeit war sie perfekt. 

Ich mag außerdem Paco Rabanne sehr. Er erfand das unglaubliche metallische Kleid. Es war überall und wurde von jeder Yéyé-Sängerin und allen französischen Rock 'n' Roll Mädchen getragen. Auch Brigitte Bardot und Barbarella trugen Paco Rabanne. Das war wirklich wichtig für mich. Denn ich habe mich immer daran orientiert, was Sänger und Schauspieler tragen. Die sogenannten Jetset-Vertreterinnen waren schon immer langweilig und kitschig gekleidet – ich suchte nach Frauen mit Persönlichkeit. 

Dann gab es da noch Yves Saint Laurent, der immer herausstach. Er war skandalös und hat Veränderungen wie die sexuelle Revolution oder die liberalen Strömungen in Frankreich immer auf eine glamouröse Art und Weise reflektiert. Er hat sich Innovationen sagenhaft angenähert, indem er zum Beispiel eine Frau im Anzug zeigte, ohne ihre Weiblichkeit zu unterschlagen. 

Von den Wegbereitern lernen

Ich habe immer versucht, ehrlich zu sein, und Grenzen zu sprengen wie meine Vorbilder. Ich wollte nie die klassische, elegante Mode übernehmen und ich habe früh in meiner Karriere gelernt, dass das, was Kritiker als chic bezeichnen, oft nicht chic ist. 

Meine Karriere begann Mitte der 70ger Jahre. Zu dieser Zeit wurde Paris irgendwie konservativer. Mode war nicht so, wie man sie aus den Filmen kannte: Nach der Hippiebewegung der 60ger Jahre, waren die Leute nicht mehr so experimentierfreudig, was Mode anging, so als würden Sie Mode grundsätzlich ablehnen und sich stattdessen lieber sehr reduziert kleiden. Ich wollte etwas anderes. Und das, was ich anfangs tat, schockierte viele. 

Nach Pierre Cardin arbeitete ich bei Jean Patou, einem alten Modehaus, das heute nicht mehr existiert. Es war der Stereotyp für den eher konservativen Modegeschmack der Franzosen. Als ich mit meinen Bikerboots ankam, konnten sie das nicht verstehen. Sie fragten mich: „Aber warum? Wo ist dein Motorrad?“ 

Also beschloss ich, dass ich mir meine Grenzen bei meiner eigenen Kollektion nicht so eng setzen würde und dass mein Verständnis von dem, was schön ist und was nicht, weiter gefasst wird.

Als ich im Jahr 1976 begann, selbst zu designen, empfanden Viele meine Kleidung als zu anrüchig. Die französische Modepresse ignorierte mich sehr lange. „Er spielt und kreiert Spiele, das ist keine richtige Kleidung“, schrieben sie. 

Natürlich handelte es sich dabei um richtige Kleidung, die ich kreativ kombinierte und mit der ich spielte. Wer sagt denn, dass man keine Bikerboots zu einem Tutu tragen darf? Oder dass Männer nicht sexy und androgyn aussehen dürfen? 

Die jüngere Generation von Frauen antwortete. Sie wollten gerade diesen Mix. Und ich machte etwas, das sie wollten. 

Seitdem hat sich so viel verändert. Heute sind Saint Laurent, Courrèges und Cardin Helden in der französchischen Modegeschichte. Und die französcihe Presse hat mich in den vergangenen 20 Jahren kaum kritisiert – das macht mich stutzig. Vielleicht mache ich ja etwas falsch! 

Die neue Generation der französischen Designer kreiert wunderbare Dinge. Olivier Rousteing macht bei Balmain zum Beispiel wunderschöne Kleider für wunderschöne Menschen. Nicolas Ghesquière ist ebenfalls fantastisch. Ich liebe die Einstellung von Hedi Slimane bei Saint Laurent. Aber andere Designer aus anderen Ländern beflügeln die Konkurrenz und tragen auch zur Diversität in Frankreich bei. 

So wie der Weltkrieg die Mode in den 40ger Jahren und die sexuelle Revolution die Mode in den 60gern beinflussten, spiegelt sich die Globalisierung in der Mode der heutigen Zeit wider. 

Mehr denn je ist die Pariser Fashion Week der Ort, an dem talentierte und provozierende Designer aus aller Welt aufeinandertreffen, um ihre Marken vorzustellen und ihre Ansichten zu teilen. Denn sie wissen, was Paris repräsentiert: Kreativität, Kühnheit, Stil und Ansehen. 

Hier muss ich an den japanischen Designer Rei Kawakubo von Comme des Garçons oder an meinen ehemaligen Assistenten Martin Margiela aus Belgien, an Vivienne Westwood aus England und an Rick Owens aus Amerika denken – sie alle haben sich hier auf der Pariser Fashion Week vorgestellt. 

Wie die französischen Visionäre, die ich in meiner Jugend bewunderte, öffneten auch diese internationalen Designer mir die Augen – sie zeigten mir neue Ideen und neue Konzepte auf. Sie haben ihre eigene Welt und ihre eigene Identität und sie machen Dinge, die man von keinem anderen erwarten würde – wie französisch von ihnen!

 

 

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