Designender Paradiesvogel KARIM RASHID
"Lasst uns Designs entwerfen, als wüssten wir nichts von der Welt"  

      Fotos:   ©  Courtesy of Karim Rashid / BANDO E&C co,. Ltd. / CNN International

 

 Fotos: © Courtesy of Karim Rashid / BANDO E&C co,. Ltd. / CNN International

Karim Rashids Kleider passen nicht in unsere Zeit. Wenn der 54-jährige Designer seine bonbonfarbenen Anzüge entwirft, muss er selbst zugeben, dass diese wie aus einer andern Ära scheinen. 

„Wir leben in einem digitalen Zeitalter oder einer Epoche der Individualisierung und dennoch tragen wir Shirts mit Kragen, Halstücher und Krawatten und sogar Armbanduhren. All diese Klamotten sind Reminiszenzen der Vergangenheit. Es ist so fake und kitschig“, sagt Karim Rashid. „Wir müssen also mit einer leeren Schieferplatte beginnen und unsere Kleidung täglich komplett neu erfinden, so als hätte die Welt vor diesem Entwurf nicht existiert.“ 

Karim Rashid ist bekannt für sein futuristisches Design. Zwanzig Jahre nach seinem ersten Gehaltscheck ist er verantwortlich für 3500 Kreationen unterschiedlichster Gegenstände für Küche, Bad und Hotelzimmer weltweit. 

Nachdem Rashid einen herkömmlichen Mülleimer in eine sensationelle Skulptur verwandelte, hat er ein Designimperium mit einem Umsatz von sechs Millionen Dollar geschaffen. Seine sogenannten ‚Blobjects‘ halten für Kunden wie Veuve Clicquot Champagner oder für Post-ist her und brachten ihm bereits über 300 Design-Awards ein – unter anderem den Red Dot Award, den Chicago Athenaeum Good Design Award, das I. D. Magazine Annual Design Review und den IDSA Industrial Design Excellence Award. Für CNN Style übernimmt der designende Paradiesvogel die Gastautorenschaft für September.

Nach 100.000 Jahren analogen Lebens haben wir den Rubikon in eine neue Ära überschritten. Das digitale Zeitalter ist über uns hereingebrochen und verändert alles. 

Im Großem und Ganzen bestimmen digitale Technologien, wie wir miteinander interagieren. Das digitale Zeitalter verändert 

also unsere Verhaltensweisen und Gewohnheiten. Es bringt Menschen in endlosen sozialen Gefügen zusammen und fördert Individualität und Kreativität. Der Einfluss der digitalen Revolution kann auch in überraschende Gebiete vordringen. 

Vom Fußboden- bis zum Möbel-Design, von Tapeten bis zu Verpackungen, von Inneneinrichtung und Architektur bis hin zur Mode, das digitale Zeitalter beeinflusst auch Design wie nie zuvor. Meine Aufgabe ist es, diese Veränderungen zu erkennen und sie visuell zu entwerfen – denn am Ende soll die physische Welt genauso schön und smart sein wie die digitale. 

All unser Wissen von der menschlichen Existenz fußt auf Äonen des analogen Lebens. Unsere öffentliche Meinung stammt von physischen Artefakten. Seit fast 40 Jahren befinden wir uns nun im digitalen Zeitalter, eine nicht-materielle Zeit. Ich nenne uns die ‚Bioniere‘ des digitalen Zeitalters und dabei haben wir kaum an der Oberfläche dessen gekratzt, was noch möglich ist. 

Das analoge Zeitalter ist etwas aus der Vergangenheit, etwas, das nicht mehr in Relation zu unserer jetzigen Zeit steht. Das analoge Zeitalter war materialistisch, dauerhaft, statisch, sehr spezifisch, starr, verschwenderisch, am Mangel ausgelegt und durch Handwerk und industrielle Revolution gesteuert. 

Im Gegensatz dazu ist die digitale Welt ein Leichtgewicht, entmaterialisiert, kinetisch, vorübergehend, locker, umfangreich, transparent, entspannt und vier-dimensional. Wie könnte sie das auch nicht sein – bei der Holografie-Technologie, der visuellen Echtzeit-Telekommunikation, der fortschrittlichen CAD Software und dem einfachen 3D-Druck, der unseren Alltag bestimmt. 

Was wird also in unserer physischen Welt passieren, während wir uns in einem Übergang von der analogen zur digitalen Welt befinden? Wie wird diese Welt mit unserer datengesteuerten Ära mithalten können?

 Globalove

Globalove

Im Moment wird unsere physische Welt permanent von den lukrativen, sehr experimentellen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters verführt. Das ist der Bereich, in dem unsere Träume und Vorstellungen greifbar und interaktiv werden und unserer physischen Welt größere Möglichkeiten liefern. So sieht die Modellierung unserer Zukunft aus. 

Während meiner Design-Projekte versuche ich über das digitale Zeitalter nachzudenken und es willkommen zu heißen – sei es durch die Anwendung neuer Produktionsmethoden, durch Verwendung neuer Materialien, Produkte, Räume, Häuser, Städte oder einer neuen Lebensform. 

Ich habe mir die digitale Sprache und Stimmung angeeignet und arbeite mit ihr. Ich finde den Begriff ‚Techno-Organik‘ ganz passend, um die Verbindung von unserer organisch-amorphen natürlichen Welt und der technischen Revolution auszudrücken. 

Wenn ich ein Objekt oder einen Raum designe, versuche ich, beides zu modernisieren. Die Gegenstände sollen sich in der digitalen Gegenwart befinden. Die neueste Tapetenkollektion, die ich für Marburg designt habe, heißt ‚Globalove‘ und ist ein Beispiel für diese neue Sprache. Die Besonderheit ist das filigrane silberne Netz und die psychedelischen Grafiken vor einem dunklen Hintergrund in einem dynamischen Farbenspektrum. Das ist meine Art die Periode, in der wir leben, zu dokumentieren. 

Gedanken nehmen Form an

Der 3D-Druck ist eine Methode, die wir in unserem Studio häufig verwenden. Die CAD Programme und unser hauseigener 3D-Drucker sind immer verfügbar. So nehmen Gedanken Form an. 

An 3D-Entwürfen zu basteln und diese zu perfektionieren, ermöglicht mir eine ganz neue Arbeitsweise. Ich kann mit dem Gegenstand in Interaktion treten und ihn umgestalten, wie ich es möchte. Es ist ein Indikator für die schnelle Musterentwicklung in der Design-Industrie. 

 Solium Lampe_Artemide

Solium Lampe_Artemide

 

 

Die Objekte sind nun inspiriert durch den digitalen Raum. Viele neue Formen und viele neue Herstellungsmethoden wären ohne die CAD-Technologie nicht möglich. Mir fallen einige meiner Projekte ein, deren Designs genau diese Übergangsphase widerspiegeln: Der Woopy Sessel, den ich für B-LINE entworfen habe, ist ein solides, sinnliches Stück verformter Plastik. Auch die Solium Lampe für Artemide entworfen, ist ein fließender, kurviger Gegenstand aus einem Guss. Heute kann die digitale Technologie flachen und stumpfen Gegenständen moderne Emotionen und Bedeutung einhauchen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Welt, in der wir leben, in 2D kreiert wurde. Ich bin zwischen Stahlwinkeln, Dreiecken und anderen veralteten Werkzeugen aufgewachsen. Unsere Methode die Umwelt zu kreieren ist ein Ergebnis von 2D. Unsere Welt ist weitgehend kartesisch. Raster bestimmen unser Leben. 

So sind Kreditkarten zum Beispiel in ihrer rechteckigen Form gefangen, damit sie in die rund 1,6 Millionen Geldautomaten weltweit passen. Als ich eine neue Kreditkarte für Citi kreieren sollte, wollte ich sie aus dieser Form brechen. Allerdings hat dies nicht funktioniert. Auch wenn ich Kühlschränke für LG Electronics, Fernseher für Samsung oder Küchen für Rastelli und Aran entwerfe, bin ich an die Vorgaben gebunden, die unsere zweidimensionale Welt kreiert hat. 

Meistens ist auch Architektur zweidimensional und besteht aus zweidimensionalen Elementen wie flachen Fenstern, Fensterrahmen, Türen und Sockelleisten etc. Diese Dinge sind aus Ressourcen und Bedeutungen des Maschinenzeitalters entstanden, es ist billiger etwas zu produzieren, das gerade Schnitte und zweidimensionale Flächen hat. 

 

 Woopy Sessel_B-Line

Woopy Sessel_B-Line

Die Entdeckung der ‚Globjects‘ 

Perfekte Schönheit und Funktionalität ist das Ziel. In Zukunft werden wir nicht nur Objekte haben, die durch diesen editierbaren digitalen Geist entstanden sind, sondern auch sogenannte ‚Globjects‘ – globale, ‚on demand‘ Objekte. 

Das sind Objekte, die Grenzen überschreiten und in unterschiedlichen Plätzen, Kulturen und Glaubensrichtungen eingesetzt werden können. Es sind Objekte, die sich nomadenhaft und omnipräsent der Schnelligkeit unserer neuen sozialen Verhaltensweisen anpassen. Bisher werden Objekte in einem Land designt, in einem anderen produziert und in einem wieder anderen Land montiert. 

Die ‚Globjects‘ werden aber ‚on demand‘ an Orten, in denen sie auch konsumiert werden, produziert. Hierfür wird also nichts quer durch die Welt verschifft, denn Dinge werden künftig lokal produziert – und das zu gleichen Standards, wie in allen anderen Winkeln der Welt. Diese neue Art und Weise der Zusammenarbeit im Design, der Herstellung und Distribution ist die Verkörperung der digitalen Welt. Wenn wir also nur das produzieren, was wir auch wirklich brauchen und wann wir es brauchen, werden wir uns viel Müll sparen. 

 

Noch nie da gewesen

Ich glaube an diese neue digitale Sprache, die wir überall auf der Welt sprechen können. Die neue digitale Ära hat wenig mit der Vergangenheit zu tun. Unsere physische Welt muss sich von der Vergangenheit befreien und autonom werden wie ein Mikrochip, der eine unendliche Anzahl binarischer Codes in sich trägt, bunt wie ein TV-Bildschirm und anpassbar wie unsere smarten Geräte. 

Damit Firmen in der Zukunft erfolgreich sind, müssen sie ihre Technologien nahtlos einsetzen, von der Konstruktion, der Produktion bis hin zum Prozess und zur Interaktion mit den Menschen. Neue Identitäten, neue Traditionen, neue Erfahrungen müssen geschaffen werden, während die eigene Firmenkultur beibehalten wird. 

Alles, was wir designen, sollte smart, schön und ständig originell sein und mit der digitalen Sprache experimentieren.

Es gibt eine ständige Spaltung zwischen dem Analogen und dem Digitalen und die Trennlinie wird immer schärfer. Heute muss Design seinen Wert beweisen, die Gegenstände müssen erhaben sein, Freude bringen, qualitativ wertvoller und ästhetisch zugleich sein. 

Design muss uns weiterentwickeln und eine Verschönerung und Verbesserung der Gesellschaft herbeiführen. Die künftigen Formen werden von jedem Produkt und von der Intension, eine sinnliche, menschliche, sinnträchtig Skulptur zu schaffen, bestimmt. Wir werden neue, noch nie dagewesene Formen sehen.

 

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© Courtesy of Karim Rashid / BANDO E&C co,. Ltd. / CNN International


 

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