Die kleinsten und die verrücktesten Skulpturen der Welt

Die bahnbrechenden Entwicklungen der Bildhauerei des 21. Jahrhunderts haben diese Kunstform weit weg geführt von ihren Ursprüngen. Damals waren die Schnitzereien aus Bronze und Marmor stark an die Natur angelehnt. Heute geht es dabei um Ideen. Alltagsobjekten wird eine künstlerische Dimension zugeschrieben und die Wissenschaft wird an ihre Grenzen gebracht, um visuelle Meisterwerke zu schaffen. Manchmal sind sie ehrfurchteinflößend, manchmal rätselhaft, aber der Kunstmarkt wächst und die Galerien sind voll. 

Diesmalsteht in CNN Internationals ‘Ones to Watch’ die Kunst des dreidimensionalen Raumes im Mittelpunkt. CNN Zuschauer erfahren dabei, welche Künstler das Handwerkszeug dazu haben, zu den nächsten Meistern der Szene zu werden. Chris Dercon, Direktor der Tate Modern, und die anerkannte britische Kunstkritikerin Estelle Lovatt nominieren diesen Monat die aufsteigenden Stars am Firmament der Skulpturkunst: Abraham Cruzvillegas und Jonthy Hurwitz. 

Der mexikanische Bildhauer Abraham Cruzvillegas wird im Oktober die Turbine Hall der Tate Modern zu seinem Spielplatz machen. Der Auftrag, diesen geschichtsträchtigen Raum zu füllen, ist ein entscheidender Moment in der Karriere eines jeden Künstlers – er diente bereits Größen wie Ai Weiwei und Anish Kapoor als Weltbühne. „Das Museum von heute ist wie ein Theater, an dem jeder teilnimmt. Das Museum ist der einzige Ort auf der Welt, wo Menschen andere Menschen dabei beobachten, wie sie Kunst betrachten“, so Dercon. „Im Tate Modern ist die Turbine Hall eine große Bühne – die größte der Kunstwelt.“ 

Das CNN-Team trifft Abraham Cruzvillegas, Dercons ‚Ones to Watch‘, in Mexiko-Stadt, wo er komplexe Installationen entwirft, indem er Objekte nutzt, die er zuvor in seiner urbanen Umgebung gefunden hat. „Ich bin kein traditioneller Skulpteur. Ich benutze mein eigenes Haar, meine Schuhe oder auch Pflanzen. Manchmal sogar Wurzeln oder Tomaten. Aus all dem lassen sich Skulpturen machen“, sagt der Mexikaner. Chris Dercon erläutert, warum er Abraham Cruzvillegas zu seinem ‚Ones to Watch‘ gewählt hat: „Er schreckt nicht davor zurück, die Turbine Hall in etwas ganz anderes zu verwandeln. Das ist das besondere an solchen Bildhauern – sie können mit Skulpturen umgehen, ganz gleich, ob diese riesig oder klitzeklein sind. Abraham Cruzvillegas liefert eine sehr offene Kunstform. Der Betrachter muss sich mit den Skulpturen auseinandersetzen und seine eigene Erfahrungswelt miteinbeziehen.“

 "ANGEL OF THE NORTH" by Anthony Gormley

"ANGEL OF THE NORTH" by Anthony Gormley

 Skulpturen von Abraham Cruzvillegas

Skulpturen von Abraham Cruzvillegas

„Ein guter Künstler muss sich – um den Lauf unserer Kunstgeschichte voranzutreiben – mit der heutigen Zeit auseinandersetzen. Er wird in seiner Kunst Technologie einsetzen und alles, was gegenwärtig wichtig für ihn ist“, findet Estelle Lovatt, die Jonty Hurwitz als ihren ‚Ones to Watch‘ nominiert. Der südafrikanische Skulpteur Jonty Hurwitz treibt die Kunst der Bildhauerei in neue Dimensionen. Er hat bereits mit Trickfilmzeichnern aus Hollywood und Mikrobiologen zusammengearbeitet sowie 3D-Drucker genutzt, um die kleinste Skulptur der Welt zu erstellen – die Figur einer Frau, die auf einem Haarstrang tanzt. Von der Gießerei bis ins Labor reichen seine Anstrengungen, die Grenzen von Kunst und Wissenschaft weiter verschwimmen zu lassen. „Meine künstlerische Ausdrucksform besteht darin, dass ich den Betrachtern meiner Werke die absolut neuesten Entwicklungen aufzeige – sei es der 3D-Druck oder Neuerungen in der Wissenschaft und Technologie.“ Estelle Lovatt erklärt: „Ich finde, dass kein zeitgenössischer Künstler so arbeitet wie er. Jonty verbindet das Emotionale mit Intelligenz.“ Kurz nach der Aufzeichnung von ‚CNN Ones to Watch‘ hat ein Techniker, der Hurwitz bei der Zusammensetzung der Nonoskulptur Trust geholfen hat, diese ausversehen zerbrochen – damit wurde eine der kleinsten Skulpturen der Welt zerstört, an der Hurwitz ein ganzes Jahr lang gearbeitet hat. 

Auch der britische Bildhauer Anthony Gormley, dessen bronzener ‚Engel des Nordens‘ zu einer wahren britischen Sehenswürdigkeit geworden ist, kommt diesen Monat bei ‚CNN Ones to Watch‘ zu Wort: „Man sollte Kunst nie von der Wissenschaft trennen. Sowohl Kunst als auch Wissenschaft brauchen Struktur, Disziplin aber auch Intuition.“ Seit den 1990er Jahren experimentiert Gormley mit verschiedenen Materialien, so auch mit Stahl. Seine Arbeiten behandeln meist den menschlichen Körper als Thema. Sein eigener Körper diente in vielen Fällen als Vorlage für lebensgroße Metallplastiken. Gormleys erste Ausstellung in Deutschland mit dem Titel Antony Gormley: Sculpture wurde 1985 zuerst in der Städtischen Galerie Regensburg und anschließend im Kunstverein Frankfurt gezeigt.

  Chris Decron

Chris Decron

 

Antony Gormley im Interview:

Der Engel des Nordens ist zu einem wahren Symbol seiner Standortregion geworden – was ist das für ein Gefühl? Hatten Sie das vor Augen, als Sie zum ersten Mal daran dachten, die Skulptur dort zu errichten, wo sie heute steht? 

Auf gar keinen Fall. Der Engel des Nordens war ein Experiment. Ich dachte immer, dass es ein Objekt des Übergangs für eine Gemeinde in der Krise sein würde, für eine Gemeinde, die versuchte, den Übergang vom industriellen ins Informationszeitalter zu schaffen. Etwas, mit dem sie ihre Vergangenheit feiern, aber zugleich ihr Recht auf eine Zukunft zum Ausdruck bringen würde. Dafür wurde die Skulptur errichtet und das finde ich ermutigend. Es lässt ver-muten, dass Kunst eine gesellschaftliche Funktion jenseits des Gedenkens haben kann; dass sie Menschen dabei helfen kann, sich mit ihren Hoffnungen und Ängsten auseinanderzuset-zen. 

In den letzten Jahren häufen sich Beispiele dafür, dass öffentlich gezeigte Kunst ver-kauft wird. Warum ist es wichtig, dass wir öffentlich gezeigte Kunst schützen? Worin liegt der Wert, wenn wir diese Werke verlieren? 

Der Wert liegt offensichtlich darin, sie zu behalten. Es ist Fakt, dass ‚Möbel für die Fantasie‘, also Dinge die nicht Autobahnbrücken, Straßenlaternen oder Briefkästen sind, es uns ermög-lichen, die Welt mit anderen Augen zu sehen und uns unsere Fähigkeiten zur Einkehr, Medi-tation und Vorstellungskraft ins Gedächtnis zu rufen. Wir sind nicht alle Maschinen, die hier sind, um zu arbeiten, alt zu werden und zu sterben. Wir sind hier, um für uns und für andere eine Zukunft zu schaffen. Kunst ermutigt Menschen zu einem Gefühl der Partizipation, indem sie das Antlitz einer Momentaufnahme der Welt verändert. Kunst ist politisch und ein Ausdruck eigener und kollektiver Überzeugung.

 

 
  Antony Gormley  im Interview

Antony Gormley im Interview

Können Sie mir drei Beispiele für Ihre liebsten öffentlich ausgestellten Kunstwerke nen-nen? 

Wenn wir damit Dinge meinen, die es ‚da draußen’ gibt, wären es vermutlich alles antike Werke. Ich liebe die Pyramiden, das Pantheon und den Ring von Brodgar auf den Orkneys. 

Aber ich liebe auch das Messingstück, das auf der High Street von Wells, Somerset, liegt, das den Weltrekordsprung der britischen Athletin Mary Rand symbolisiert, der ihr olympisches Gold einbrachte. Ich liebe den Postman’s Park in London, der von George Frederic Watts gegründet wurde und wo Terrakottaplatten Heldentaten feiern. 

Ich finde Walter di Marias Vertikalen Erdkilometer (1977) auf dem Friedrichsplatz im deutschen Kassel toll. Das ist eine Messingscheibe mit fünf Zentimetern Durchmesser, die ins Pflaster eingelassen wurde und einen Kilometer tief in die Erde ragt. 

All diese Orte, die einen auf eine neue Weise denken und fühlen lassen. 

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft – an welchem Projekt arbeiten Sie als nächstes? 

Ich arbeite zurzeit an einer Ausstellung mit über 100 Skulpturen, die Ende April auf dem Ge-lände der Forte di Belvedere in Florenz zu sehen sein wird. Hier bietet sich die Gelegenheit, das Verhältnis zwischen Schönheit und Angst zu überdenken – befindet sich der befestigte Hügel doch genau gegenüber der Altstadt aus der Renaissance, die sich wie eine Art Ideal vor einem erstreckt. Wir neigen dazu, die im 15. Jahrhundert allgegenwärtige Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, zu vergessen. Dennoch entstand die großartige Kunst von Fra Angelico in genau diesem Kontext. In unserer eigenen Zeit bewundern wir die groß-artige Malerei und die abstrakten Werke von Richter, aber gewaltsamer Tod findet überall um unser ziviles Leben herum statt.

Denken Sie, dieses Kunstwerk ist immer noch zugänglich? An welche Grenzen stoßen Menschen, wenn sie auf neue Kunstwerke treffen? 

Glücklicherweise ist die dunkle Phase der Kunst vorüber. Zwei Dinge sind geschehen: Erstens sind Menschen generell vertrauter mit zeitgenössischer Kunst und deshalb eher fähig, sie als das zu betrachten, was sie ist. Zweitens interessieren sich Künstler mehr für Themen aus dem wahren Leben. Diese beiden Entwicklungen haben das Feld der Kunst überlaufener gemacht. Ich finde das großartig. Manche haben immer noch Angst davor, nicht zu wissen, wie man richtig reagiert, aber jede Form der Kunst dient als Resonanzboden und wenn wir sie dazu nutzen können, uns selbst bei der Wahrnehmung wahrzunehmen, kann all diese Angst von uns fallen. Es bleibt die Frage: „Wie fühle ich mich dabei, mit diesem Objekt, dieser Darstel-lung, diesem Ding einen Raum zu teilen?“ Und jeder von uns hat seine ganz eigene Antwort auf diese Frage. 

Welche Herausforderungen gilt es zu meistern, wenn Sie sich an die Arbeit machen? 

Die größte Herausforderung im Leben eines Künstlers ist es, gut vorbereitet zu sein. Kunst an sich zu schaffen, bedeutet Freude. Aber die Bedingungen dafür schaffen, in denen Kunst ge-schaffen werden kann, das ist die wichtigste Verantwortung, die ein Künstler in seinem Leben trägt. Wenn Erfindungsgeist auf ein gut vorbereitetes Mindset trifft, lässt sich mit Bildhauerei, sei es in der Herstellung einer Situation oder in der Herstellung einer Struktur, Bedeutung ge-nerieren. Dabei ist der Grad des Verständnisses für den sozialen, geologischen und politi-schen Kontext des Ortes, wo das Werk entstehen soll, entscheidend. Das Wunderbare ist, dass die Menschen mir sehr dabei helfen, dass das funktioniert.

Wie stehen Sie zu den Materialien, mit denen Sie arbeiten? Gibt es spezielle Materialien, mit denen Sie besonders gerne arbeiten? 

Ich liebe es, mit Eisen zu arbeiten. Eisen ist konzentriertes Erdmaterial. Es besteht aus dem, was im Herzen des Planeten vorzufinden ist. Wenn man 3.000 Kilometer weit genau nach unten geht, findet man flüssiges Eisen. Eisen ist es, das diesen Klumpen an allerlei Sachen sich im Raum und in einem magnetischen Feld drehen lässt und was dafür sorgt, dass er in seiner Laufbahn bleibt. Es ist gut Eisen für Formen zu nutzen, die der Zeit trotzen sollen. 

Auf welches Kunstwerk sind Sie besonders stolz? 

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Worauf ich besonders stolz bin, ist, dass ich in einer Gemeinschaft mit Kreativen arbeiten kann, die Dinge herstellen, die es so noch nie zuvor gab. 

Was macht eine erfolgreiche Skulptur aus? 

Eine erfolgreiche Skulptur muss überraschen, wenn man ihr zum ersten Mal begegnet. Zu-gleich muss es sich aber anfühlen, als wäre sie schon immer da gewesen. Dass sie an ihren Platz gehört. Wenn man sich nicht an den Ort ohne das Objekt oder das Objekt ohne den Ort erinnern kann, dann ist sie erfolgreich.

 

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