Architektur ruft Emotionen hervor
von DANIEL LIBESKIND

Der weltweit anerkannte amerikanische Stararchitekt und StädteplanerDaniel Libeskind beschreibt in einem Gastkommentar für CNN Style das Zusammenspiel von Emotion und Architektur. Und erklärt,warum Letztere ein Hoffnungsträger für die Menschheit sein kann.

 

 © CNN International 

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Viele halten Architektur nicht für sonderlich wichtig, selbst äußerst intelligente Menschen. Dieses Feld überlassen sie lieber anderen. 

Für mich aber gibt es nichts Wichtigeres als die Architektur. Sie gestaltet die Welt um uns herum und hat großen Einfluss auf unser Leben und unseren Gefühlszustand. 

Lebt man beispielsweise an einem schrecklichen Ort, trägt man seelische Schäden davon. Stellen wir uns eine dunkle Umgebung ohne Fenster vor, in der wir nur von leeren Wänden umgeben sind. Wir würden uns wie in einem Gefängnis fühlen, was sich nicht gut auf die psychische Verfassung auswirkt. 

Bei Gebäuden, die uns bewegen, wurde mit Sorgfalt gebaut 

Die am neutralsten gehaltene Architektur ist oft auch die aggressivste. Bei Gebäuden, die uns bewegen, wurde mit Sorgfalt gebaut. Dabei geht es gar nicht darum, ob uns ein Gebäude ein gutes Gefühl verschafft oder nicht. Es geht darum, im Innersten bewegt zu werden. Das bedeutet das Wort Emotion. Wir spüren ein Gefühl der Intensität, der Leidenschaft und der Auseinandersetzung, das uns tief bewegt. 

Sieht man sich beispielsweise ein Gebäude von Frank Gehry an, entdeckt man die Liebe und Sorgfalt sowie die unendliche Anstrengung, die es gekostet hat, um den Stahl zu biegen. Auch in der Hightech-Architektur wie der von Norman Foster ist sie erkennbar – die Hingabe, das Glas auf eine Art und Weise zu bearbeiten, die wir fast für unmöglich halten. Man sieht regelrecht, wie schwierig es ist, das Glas genauso aussehen zu lassen, als würde es schweben. Deshalb besuchen wir auch gern mittelalterliche Städte und hübsche Dörfer – wenn wir sie sehen, fühlen wir uns in unserem Innersten bewegt. 

Bei der Architektur handelt es sich um das größte ungeschriebene Dokument der Geschichte 

In tollen Städten erzählen die herausragenden Gebäude Geschichten, die man nicht kannte und erinnern an Ereignisse, die man vergessen hatte. Es handelt sich um ein kollektives Wissen, einen Motor, der der eigenen Intelligenz überlegen ist. Bei der Architektur handelt es sich um das größte ungeschriebene Dokument der Geschichte. 

Heute schreiben wir sicherlich ein neues Kapitel. Orte, die früher nur Karawanen in der Wüste waren, sind plötzlich dicht besiedelte Städte mit unglaublichen Gebäuden. Städte, die früher geschmäht wurden, konkurrieren inzwischen mit anderen Großstädten: Schanghai gegen Peking, Peking gegen Frankfurt, Frankfurt gegen New York. Vor 50 Jahren hätte keiner vermutet, dass heute Städte miteinander in Konkurrenz stehen und und nicht mehr Nationen. 

Für eine Stadt ist es wichtig, eine riesige Vielfalt zu bieten. Ich mag keine Städte mit einer bedrückenden, den Menschen einengenden Atmosphäre, die einem keinerlei Ausgleich 

bieten. Gut erkennbar ist dies bei den Visionen jener autoritären Personen, die die Architektur kontrollieren wollten, ganz egal, ob es sich dabei um aufklärerische Denker oder Stalin, Hitler oder Mussolini handelte. Sie alle versuchten, die Welt nach ihren Vorstellungen neu aufzubauen, doch ihre Idee, Gott zu spielen, scheiterte an unserem unbändigen Wunsch nach Individualität. 

Ich wünsche mir oft, dass die Städte kreativer wären und man beispielsweise beim Spazierengehen in der Stadt interessante Erfahrungen machen könnte, denn das Leben ist kurz und man will doch nicht durch einen langweiligen Ort laufen. Die tollen Städte, die wir wirklich bewundern, bieten genau diese verblüffende Vielfalt an Gedanken, Formen, Farben, Dialekten und geistigen Ideen. 

  Daniel Lobkind: "Architektur ist brutal. Man muss immer ein Fundament graben"   © CNN International

Daniel Lobkind: "Architektur ist brutal. Man muss immer ein Fundament graben" © CNN International

Emotionen sind tief in unserer Umgebung und unseren Erinnerungen verwurzelt 

Als Architekt ist es meine Aufgabe, stets einen persönlichen Zugang zu finden – nicht nur zur physischen Umgebung, sondern auch dazu, auf welche Art und Weise der Ort Erinnerungen und emotionale Reaktionen bei uns auslöst. 

Als ich die Gegend für das Jüdische Museum in Berlin erkundete, habe ich mich gedanklich in jene hineinversetzt, die nicht da sind – in die Leere, die ich spüren konnte. Ich versuchte herauszufinden, wie es sich wohl anfühlt, dort zu sein, wenn man gar nicht da ist. Was bedeutet es, einen Ort für jene zu schaffen, die ermordet wurden, die in den Öfen verbrannten? 

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York gab es dieses Gefühl auch hier in Amerika. Man konnte die Seelen derjenigen spüren, die am Ground Zero gestorben sind. Dafür muss man keinesfalls religiös sein oder spirituell veranlagt. Jeder konnte es fühlen. 

Architektur ist brutal. Man muss immer ein Fundament graben 

Du kommst zum Fundament, der Trennwand, der Leere und plötzlich bist du von einem Raum umgeben, der nicht das ist, was du am Boden siehst. Du hast einen Zugang zu diesem Ort und seiner Geschichte gefunden und diese Verbindung spricht zu dir. 

Sie erzählt dir, welche Grenzen es gibt und welche Tabus. Du kannst den Boden nicht so behandeln, als sei er ein anderer. Dieser Ort ist einzigartig. Es gibt eine Zartheit, die geschützt werden muss. Wenn man einen Ort besichtigt, gehört das dazu. Ich würde es als eine spirituelle Reise bezeichnen. 

Selbst bei einer gewöhnlichen Baustelle musst du daran interessiert sein und es wahrnehmen. Hat man daran kein Interesse, kann man alles machen. Architektur ist sowieso schon brutal – man muss immer ein Fundament graben – und wir können immer erkennen, wenn etwas nur für das schnelle Geld gebaut wurde. Wir spüren die Gleichgültigkeit und die Stille, die diese Bauten produzieren. 

Als ich das erste Mal im Jahr 2001 zum Ground Zero kam, war der Ort eine Geisterstadt. Hin und wieder sah ich zwei oder drei Leute, die im Regen standen und sich die Baustelle anschauten.

Aber ich konnte jeden Tag beobachten, wie sich die Baustelle ein wenig veränderte. Dabei behielt sie jedoch stets das Andenken an die Opfer und versteckte nicht, was passiert ist. 

Sehr langsam haben sich im Laufe der Zeit auch die Gespräche über Ground Zero verändert. Es war eine ähnliche Erfahrung wie in Berlin – wie etwas, das aus dem tiefsten Abgrund emporsteigt. 

Als ich begann, am Ground Zero zu arbeiten, haben die Stadtentwickler von großen Bodenplatten für die Börse gesprochen. Meine Idee sah dagegen ganz anders aus: Dies konnte nicht wieder die Wall Street werden, ein neuer Ort musste entstehen. 

Dass diese Idee funktioniert hat, wird für mich durch die vielen Leute belegt, die seither in diese Gegend gezogen sind. Seitdem ich dort arbeite, haben etwa hunderttausend Menschen ihren Wohnsitz nach Lower Manhattan verlegt. Es handelt sich um die Wiedergeburt eines Stadtteils, der eigentlich nur als Wall Street diente. Jetzt ist es ein Ort der Kreativität. 

Die Metapher des Lebens wurzelt in der Architektur. Geboren werden, wachsen, sein – das ist eine Architekturerfahrung 

In der Architektur gibt es ein profanes und ein sakrales Element. Doch das schließt keinesfalls Spaß oder Feierlichkeiten aus. Es ist kein Widerspruch, am Ground Zero Eis zu essen und Frisbee zu spielen, denn der Ort gestattet es einem, dort bestimmte Dinge zu tun. 

Für einen öffentlichen Raum dauert es lange, bis er seine Form angenommen hat. Am Ground Zero sind es nun schon mehr als zweihundert Jahre. Ganz zu Anfang bestand New York nur aus ein paar Straßen auf einer Karte. Doch bereits damals war jener Geist enthalten, der die Insel ausmacht – diese Spitze, die in die Welt hinausragt. Der Geist des Unerwarteten. 

Dieser Optimismus ist in jeder Geste der Architektur enthalten. Die Metapher des Lebens wurzelt in der Architektur. Geboren werden, wachsen, sein – das ist eine Architekturerfahrung. Alles beginnt mit dem Aushub. Aus dem Nichts entsteht etwas und hat nur einen Plan: im Laufe der Zeit zur Verwirklichung zu kommen. Ganz gleich, wie traurig, wie tragisch ein Ort sein mag, welch schreckliche Dinge sich dort in der Vergangenheit abgespielt haben mögen, die Architektur bringt stets einen Hauch von Zukunft mit sich. 

Dieses Gefühl verhindert, dass die Architektur im Moll steht. Sogar das Errichten eines Denkmals für die Toten, unabhängig von der gewählten Form – sei es das Schreiben eines Buches, sei es das Pflanzen einer Blume oder eines Baumes – gibt ein Gefühl der Hoffnung und der Wiedergutmachung. 

Diese Emotionen löst die Architektur in mir aus.

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Credit CNN International